Nika S. Daveron: Blut und Eis

Nika S. Daveron: Blut und Eis

Was kann einem Besseres widerfahren als ein unverhofftes Rezensionsexemplar, wenn man sich gerade nicht zwischen all den Büchern auf seinem SUB entscheiden kann? Genau, ein unverhofftes Rezensionsexemplar, das richtig fesselnd ist. Der Umstand, der mich zu „Blut und Eis“ von Nika S. Daveron geführt hat, beeinflusst natürlich nicht meine Bewertung – aber: Ich selbst hätte den Roman vermutlich nicht auf meine Liste gesetzt, da mich das Cover nicht richtig anspricht. Angesichts des Titelbilds hätte ich Romantasy erwartet und – Vorsicht, Spoiler – das ist nun wirklich keine passende Kategorie für diese Geschichte: „Blut und Eis“ lässt sich der Dunklen Fantasy zuordnen und wartet dementsprechend auch mit einigen Elementen aus dem Horrorgenre auf.

Ich weiß nicht, warum mich zuletzt wieder gehäuft Texte finden, die auf mindestens einer Ebene das Schreiben an sich verhandeln – möglicherweise durchdringt das Geschichtenerzählen alle anderen Lebensbereiche von AutorInnen einfach so stark, dass viele von ihnen dem eine entsprechende Plattform in ihren Publikationen geben.
In jedem Fall ist es ein interessanter Zugang, der mich langsam in eine spannend angereicherte Welt führte, die immer mehr zu bieten hat, als es auf den ersten Blick scheint. Eine Welt, die aus den Fugen gerät, sich neu erschafft, weiter ins Chaos stürzt und sich doch in stetigem Wandel befindet.

Klappentext (vom Papierverzierer-Verlag):

Als die achtzehnjährige Trêve Kerrigan 1921 in Grytviken, einem Ort mitten in der Antarktis, ankommt, fühlt sie sich im ewigen Eis regelrecht begraben. Ihr Vater, ein renommierter Walfänger, ist nur selten zu Hause und sie langweilt sich tödlich auf South Georgia, wo es nur alte Leute zu geben scheint. Bis eines Tages Haya in ihr Leben tritt, die wunderbar schaurige Geschichten erzählen kann. Eines Tages beginnt sie, Hayas Geschichten aufzuschreiben, woraufhin sich Grytviken allerdings verändert. Dunkle Kreaturen schleichen nachts um die Häuser und obendrein gehen äußerst merkwürdige Dinge im Labor von Hayas Vater vor sich. Was anfänglich wie die lockere Erzählung von schaurigen Geschichten begann, führt zu erschütternden Erscheinungen, umherschleichenden Dieben und zu einem gewaltigen Horror in Form eines Mannes ohne Schatten, der die Tore zum Inferno der gescheiterten Schöpfung öffnet.

Der Ton des Romans verändert sich mit der Welt: Während anfangs noch verschmitzter Humor durch die dicke Eisdecke von Grytviken bricht, versickert dieser nach der Schneeschmelze im plötzlich ergrünten Boden. Das ist umso interessanter, da sich die Stimmung der meisten Menschen eher bei sommerlichen Temperaturen aufhellt als zu Minusgraden – zum Handlungsverlauf passt es allemal.

Der Beginn der Geschichte vollzieht sich ein bisschen schleppend oder, um nochmal die Metaphorik aus „Blut und Eis“ zu verwenden: Das Eis muss erst schmelzen.
Außerdem stolperte ich früh über eine kleine inhaltliche Unstimmigkeit. Ob sich Trêve und ihr Vater nun vor einem oder vor zwei Jahren zuletzt gesehen haben, spielt für die weitere Entwicklung keine Rolle, aber ein waches Auge kann sich daran natürlich stören.
Gerade auf den vorderen Seiten finden sich zudem mehrere Rechtschreibfehler, für die ich bei kleinen Verlagen grundsätzlich Verständnis habe, aber leider auch einige sehr kreativ gesetzte Kommata. Dafür werden die LeserInnen von Anfang an mit interessanten Figuren belohnt, die trotz ihres jugendlichen Alters nicht als ausgelutschte Stereotype enden. Durch ihre Perspektive werden gesellschaftliche Missstände auf der Mikroebene ebenso sichtbar wie auf der Makroebene.

So gilt beispielsweise Haya als Sonderling – zumindest, solange sie sich nicht als „das kleine, naive Mädchen“ verstellt, was schon viel über die Welt, in der sie lebt, aussagt. Sie hat aufgrund der Stellung ihres Vaters gewisse Privilegien, ist aber dennoch alles andere als glücklich. Einerseits ist sie sehr einsam, andererseits wird sie von grausamen Visionen geplagt. Sie braucht Trêve also aus mehreren Gründen, in erster Linie jedoch als eine Person, die ihr die schauerlichen Geschichten im buchstäblichen Sinne abnimmt: Haya selbst kann nicht schreiben, erhofft sich aber durch die Niederschrift eine Befreiung von den quälenden Bildern. Ob sich hinter diesen noch mehr verbirgt, lässt der Text offen. So könnte man darin Bewältigungsmechanismen sehen, die sie wegen ihres Vaters benötigt. Dieser misshandelt sie und würde sie am liebsten für immer in seinem Haus verstecken – sein Privileg mag es sein, dass er mit diesem Verhalten ungestraft davonkommt, da er großes Ansehen in Grytviken genießt.
Ihre Bekanntschaft mit den Nix Walkon, dem sie einige ihrer Geschichten erzählt, lässt Raum für eine weitere Lesart: Die der verhinderten Schriftstellerin, die mit ihren Worten dennoch Gehör finden möchte.

Und ja, du hast richtig gelesen. In dieser Welt existieren Nixen – und werden von den Menschen ausgebeutet. Ihre erste, fast schon beiläufige Erwähnung war ein gelungenes Überraschungsmoment und hat sofort meine Neugier angestachelt. Gerne hätte ich noch viel mehr über die Lebenswelt dieser Geschöpfe erfahren, allerdings wäre „Blut und Eis“ dann eine andere Geschichte geworden. Bedeutsam erscheint mir, auf welches Unterscheidungsmerkmal die Wassergeister selbst verweisen: „… [W]ir Nixen besitzen Kräfte, von denen die Menschen nur träumen. Doch nützen sie uns kaum etwas, denn es fehlt uns etwas … die Fähigkeit eigene Geschichten zu erzählen.“ (Nika S. Daveron: „Blut und Eis“)
Für den Handlungsverlauf nimmt dieser Aspekt eine wichtige Funktion ein. Allerdings wird hierdurch die viel tiefgreifendere Frage nach der Mündigkeit eines Volks aufgeworfen, das selbst nicht dazu in der Lage ist, seine eigene Geschichte zu schreiben. In „Blut und Eis“ führt eine solche Ausgangsposition dazu, dass die Nixen sich nicht selbstständig aus der Unterdrückung durch die Menschen befreien können.

Im Gegensatz zu Haya kann Trêve nicht nur schreiben, sondern verfügt auch über das nötige Know-how, eine Geschichte zu verfassen. Ihre Herangehensweise, den unfreiwilligen Fantasien ihrer Freundin Form und Struktur zu geben, ist ein perfektes Sinnbild für den (oftmals ebenfalls quälenden) Schreibprozess, besonders wie er bei AutorInnen vonstattengehen könnte, die eher nach der Chaos-Methode arbeiten.
Zudem wird hiermit eine weitere Facette des Konzepts von der verhinderten Geschichtenerzählerin bemüht – und das auf ziemlich unterhaltsame Weise. So wird zum Beispiel spielerisch der Diskurs über die viel zu oft männlich belegte Rolle des Helden aufgemacht; eine Zuweisung, dank der Frauen bestenfalls als schmückendes Beiwerk agieren dürfen. Und obwohl sich Haya und Trêve zunächst auf die Wiederholung des gängigen Schemas verständigen, führen sie es später ad absurdum.

Das Besondere an der Geschichte, die Haya und Trêve gemeinsam schreiben, wird bereits im Klappentext angerissen: Sie verändert ihre Welt. Ich will nicht zu weit vorgreifen, daher nur so viel: Mein persönliches Highlight dieses Konzepts ist erneut eng mit der Metaebene des Romans verbunden: Das Inferno der gescheiterten Schöpfung ist ein Sammelbecken für unvollendete Geschichten, ein „Ort voller Verzweiflung, Leid und niemals enden wollender Qual“. (Nika S. Daveron: „Blut und Eis“)
Wehe den AutorInnen, die versuchen, ihre Geschichten daraus zu befreien … und denen, die aufgrund ihrer weltverändernden Texte kaum eine andere Wahl haben.

Durch das deutlich erhöhte Tempo ab der Mitte des Romans kommt leider die Entwicklung der Figuren ein bisschen zu kurz, was dafür sorgt, dass zumindest ich die emotionale Verbindung zu ihnen zeitweise verloren hatte. Am Ende – das mich wirklich (positiv) überrascht hat, sorgt jedoch eine gewisse Tragik für ein gelungenes Wiedererwachen. Der Epilog zeigt zudem eine spannende Lesart der Geschichte als Teil eines viel größeren Kosmos. Dafür spricht auch das stetige Verschwimmen von Realität und Fiktion innerhalb der Fiktion von „Blut und Eis“.
Und noch ein letzter Hinweis: Der Text bietet größtenteils mehr Eis als Blut: Wer also kein eingefleischter Freund von Splatter ist, sich jedoch an leichtem Grusel erfreuen kann, wird mit Nika S. Daverons Roman nichts verkehrt machen.

 

 
Vier von fĂĽnf Ballen.