Markus Lawo (Hrsg.): Abartige Geschichten – Asylum

Markus Lawo: Abartige Geschichten

Mit Markus Lawo, einem Tausendsassa der düsterdeutschen Literaturszene, geht es (hin)ab in die Anstalt: Dort erwartet die Leser*Innen keine politische Satire, sondern Horror, der irgendwo zwischen subtilem Grauen und Hardcore angesiedelt ist. Klingt nach einem breiten Spektrum? Definitiv, wobei die Texte der härteren Gangart überwiegen und dennoch viel Abwechslung bieten.

In „Abartige Geschichten – Asylum“ tummeln sich einige bekannte Namen der deutschsprachigen Horrorszene, wenngleich ich auch über ein paar Autor*Innen gestolpert bin, die ich bislang noch nicht auf dem Schirm hatte, was mich natürlich freut – mein SUB will schließlich Wolkenkratzer werden. Nicht jede Kurzgeschichte traf exakt meinen Geschmack, doch ich finde, das spricht eher für als gegen die Anthologie: Würden mir alle Beiträge gleichermaßen gefallen, könnte man kaum davon sprechen, dass die Veröffentlichung durch inhaltliche wie stilistische Vielfalt besticht.

Klappentext (von Hammer Boox):

Oftmals nimmt das Abartige im Leben der Menschen einen deutlich größeren Raum ein, als man auf den ersten Blick meint.

Verschleiert hinter ihren Masken tragen sie vielerlei Dinge in sich, die wir nicht für möglich halten. Einige dieser Dinge halten sie selbst nicht für möglich. Es bedarf äußerster Vorsicht, hinter diese Masken zu sehen, damit die Menschen keinen Schaden nehmen.

Markus Lawo hat eine Reihe bekannter Autor*innen gefunden, um diese Abgründe zu ergründen.

Besagte Abgründe sind so divers wie die Ängste der Menschen – ob nun im Dunkeln, vor dem Grauen bei der Nachtwache in einer Leichenhalle oder vor männermordenden Frauen, Menschenfressern und Blutsaugern.

Den Anfang macht Simona Turini mit „Ich habe Angst im Dunkeln“. Der misanthropische Rant gegen Normalos mittleren Alters lullte mich kurz in das unangebrachte Gefühl des Bekannten ein, bevor mir die Geschichte ihr wahres Gesicht zeigte – so viel zu der im Klappentext erwähnten Verschleierung. Tatsächlich entwickelte ich bei der Lektüre mehrerer Texte anfangs eine Erwartungshaltung, die sich nach wenigen Seiten als gänzlich falsch herausstellte. Das liegt nicht nur an den interessanten Twists, sondern ist auch dem Spiel mit bekannten Motiven und Mustern geschuldet, über die sich die Autor*Innen im Verlauf der Geschichten mit Raffinesse erheben. Das beste Beispiel hierfür ist „Das Interview“ von Andreas Laufhütte, das zu meinen Top 3 zählt und daher weiter unten noch ausführlicher besprochen wird.

Horror als das, was Menschen einander (und/oder sich selbst) antun können, weist häufig eine große Schnittmenge zum Drama auf – wer gerne Jack Ketchum liest, weiß, wovon ich schreibe. Doch es müssen nicht immer die bis aufs Knochenmehl zermürbenden Geschichten sein, die mich ansprechen: „Hörst du sie schreien?“ von Ky van Rae ist beispielsweise geprägt von einer leicht kafkaesk anmutenden Ausgangssituation, einem nachdenklichen Ton und einem versöhnlichen Abschluss. Trotz des wenig destruktiven Endes hatte der Text einen gewissen Nachhall, ebenso wie Emely Meious „Leviathan“. Obwohl ihr Setting und die Grundstimmung gänzlich anders sind, bekommen die Leser*Innen auch hier mehrere Schläge in die Magengrube, deren Wirkung über die Lektüre hinaus anhält.

Bei meinen Rezensionen widme ich mich so gut wie nie dem Cover oder der optischen Aufmachung der Bücher, denn mein hauptsächliches Interesse gilt dem Inhalt. Trotzdem muss ich sagen, dass diese Anthologie noch mehr als die hochkarätigen Texte zu bieten hat, nämlich ihre detailverliebte Ausgestaltung. Das beginnt beim Rahmen, der von Lester B. Sol beziehungsweise Bernar LeSton um die einzelnen Beiträge gespannt wird, und endet mit einer äußerst gelungenen Aufbereitung der Autoreninfos:
Anstelle klassischer Steckbriefe hat Herausgeber Markus Lawo – passend zum Untertitel Asylum – einen Anamnesebogen eingefügt, der biografische und bibliografische Angaben der Schreiberlinge ebenso enthält wie den Grund ihrer Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt des Oakwood Asylums. Die Krankengeschichten der Patient*Innen liefern zum Teil schon erste Hinweise auf die folgenden Texte und haben mich vielfach zum Schmunzeln gebracht.
Der Herausgeber gibt sich in seiner Anthologie übrigens ebenfalls die Ehre und sorgt mit der Kürzestgeschichte „Nachtwache“ (wer denkt dabei nicht an den dänischen Überraschungserfolg von 1994?) für eine witzige Überraschung.

Meine persönlichen Lieblingsgeschichten (mit einem Klick auf das Pluszeichen oder den jeweiligen Titel öffnest du die Kurzrezension):

Andreas Laufhütte: „Das Interview“
Andreas Laufhütte ist dir vermutlich bereits ein Begriff, wenn du deutsche Horrorliteratur konsumierst. Und das ist auch gut so. Denn obwohl ich zunächst dachte: nicht schon wieder so eine Geschichte, natürlich ist die Frau mit der selbstbestimmten Sexualität das Monster, musste ich meinen ersten Eindruck relativ schnell revidieren: „Das Interview“ hat deutlich mehr zu bieten als das benannte Klischee, ist unterhaltsam und punktet mit starken Bildern, von denen manche nicht für einen schwachen Magen geeignet sind. Die anderen Sinne kommen genauso zum Tragen, wodurch in Summe ein perfektes Kopfkino entsteht: „Schnell griff Bell zwischen ihre Beine, zog die Gesichtshaut aus ihrer Muschi und warf sie weit von sich. Ich hörte sie irgendwo zwischen den Grashalmen aufschlagen. Es klang wie ein feuchtes Handtuch, das gegen eine Wand geschleudert wurde.“ (Andreas Laufhütte: „Das Interview“)
Die Geschichte ist ab der ersten Begegnung mit Bell so spannend und fesselnd erzählt, dass ich über ihr Ende leicht enttäuscht war – nicht über das Ende an sich, sondern weil „Das Interview“ viel zu interessant war, um an dieser Stelle abzubrechen.
Colja Nowak: „Sanitarium“

Die wohl originellste Geschichte stammt von Colja Nowak. Man nehme einige skurrile Ideen, ein Insekt und eine Frau mit multipler Persönlichkeit, die sich nachts für eine Katze hält. Dazu eine Prise schwarzen Humors, der selbst bei dem Grund der Einweisung des Ich-Erzählers in die Klinik keinen Halt macht, et voilà: „Sanitarium“. Der Text kann mit Fug und Recht dem Horrorgenre zugeschrieben werden; gleichwohl habe ich lange nicht mehr so viel und laut gelacht wie bei der Lektüre dieser wunderbar grotesken Geschichte. „[…] sie wurde eingeliefert, nachdem eines ihrer Ichs, ein Topmodel, einen Blick in den Spiegel bei H&M warf und den Anblick nicht ertragen konnte. Was macht sie? Sie hat sich Mittel- und Zeigefinger sowie den Daumen in die Augen gerammt, ganz tief rein und sie herausgerissen. Die Dinger hingen wie Christbaumkugeln an ihrem Gesicht herab, vor lauter Schock hat ihr Bewusstsein sofort die Katze erschaffen.“ (Colja Nowak: „Sanitarium“)

Die weniger skurrilen Beschreibungen sind ebenso gelungen, der Spannungsbogen und die Twists überzeugen auf ganzer Linie. Zudem verleihen die lautmalerischen Einschübe und Kommentare des Ich-Erzählers dem Text eine besondere Lebendigkeit. Zwischenzeitlich hatte ich nicht nur Bilder im Kopf, sondern auch ein Lied im Ohr, das ich seit Ewigkeiten nicht mehr gehört habe: ASPs „Die kleine Ballade vom schwarzen Schmetterling“. Die Geschichte nimmt selbstverständlich einen anderen Verlauf als der Song und Colja Nowak haut noch ein paar Brüller heraus, bis am Ende selbst mir das Lachen im Hals steckenblieb.

Faye Hell: „Dirty Strays – Von Menschenfressern und Blutsaugern“

Es tut mir leid. Ich hatte mir wirklich vorgenommen, nicht schon wieder Fayes Text für meine Einzelrezension auszuwählen, schließlich war das bei „Ghost Stories of Flesh and Blood“ bereits der Fall. Aber ich bin ein unverbesserliches Fangirl meiner Queen of Horror und Dirty Strays ist meine Lieblingsgeschichte der Anthologie. Einer Autorin, die wegen katzoider Wahnvorstellungen in die Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen wird, kann sich eine Stray Cat eben nicht verwehren.

Der Prolog ist szenisch so dicht beschrieben, dass man die wichtigen Details beinahe überlesen könnte, und doch die Quintessenz begreift: In „Dirty Strays – Von Menschenfressern und Blutsaugern“ gibt es kein Schwarz und Weiß, sondern nur mehr oder weniger stumpfe Nuancen des Finsteren; das wird schon nach den ersten Seiten klar. Auch die Leser*Innen tappen einige Zeit im Dunklen, wenn es um die Frage geht, worauf die Geschichte tatsächlich hinausläuft.
Anfangs dachte ich an eine Interpretation der Gespräche zwischen Clarice Starling und Hannibal Lecter. Allerdings ist Hershel G. Davis kaum mehr als ein sexgetriebener, hinterwäldlerischer Junkie – Kannibale hin oder her – und Elisabeth hat bei ihren Treffen so deutlich die Hosen an, dass es keinen Raum für ein Tata, Clarice gibt. Und damit beginnen die eigentlichen Twists erst, die ich dir natürlich selbst um die Ohren fliegen lasse.

Wie in all ihren Texten kontrastiert Faye auch in Dirty Strays ihre oftmals poetische Sprache mit derben Worten und Menschen: „Nach und nach wurde ein Schädel sichtbar, der mehr an einen eingetretenen Kürbis erinnerte als an das Haupt eines Mannes. Da war ein tiefer Krater mitten im Gesicht, umgeben von Fleischwulsten. Ein Antlitz wie ein Arschloch. ‚Scheiße, bist du hässlich‘, stellte sie fest, lehnte sich im Sessel zurück und spreizte ihre Beine. Ein zufriedenes Stöhnen floss aus dem nässenden Anus des zerquetschten Kürbisschädels und hinein in ihre staubtrockene Vagina. ‚Jetzt riech ich sie doch, deine Fotze‘, stöhnte der Kannibale.“ (Faye Hell: „Dirty Strays – Von Menschenfressern und Blutsaugern“)

Die allseits beliebten haarigen Eier aus den „Rednecks“ sind in Dirty Strays ebenso präsent wie eine gewisse Zombieserie; zumindest scheint es, als hätte sich Faye hier schamlos bei „The Walking Dead“ bedient: Hershel, Merle, C(aaaa)arl; doch all diese Männer sind nur die Spielwiese für die eigentlichen Ankerpunkte der Geschichte, die lange Zeit im Hintergrund lauern: „Kimberly und Chantal. Still cock-sucking Porno Vampires from Hell.“

 

 
Fette Beute!
 
Fünf von fünf Ballen.