LiteraTour

Eigentlich bin ich eine Hinterzimmer-Bloggerin (oder Hinterhofkatze, je nach Gefühlslage). An Blogger- oder Schreibertreffen habe ich noch nie teilgenommen und auch Lesungen besuche ich eher selten. Da Ausnahmen die Regel interessanter machen, wirst du hier zukünftig Beiträge zu meiner LiteraTour finden: Autorengespräche, Lesungen und alles andere, was lesende Menschen zusammenbringt.

UPDATE: Da nicht jeder Mensch ein Fan vom Scrollen ist, gönne ich meinen neueren Abenteuern auch jeweils einen einzelnen Beitrag 😀 – du findest sie unter der Kategorie LiteraTour.

Den Anfang macht ein Autorengespräch im Rahmen der Veranstaltungsreihe „wissenswert – Gespräche am Puls der Zeit“. Im Dialog mit Gert Scobel gab Jens Beckert Einblicke in seinen Werdegang und erläuterte die Kernthesen seiner jüngsten Publikation.

Die Katze unterwegs: Vertigos LiteraTour

Jens Beckert über „Imaginierte Zukunft”, moderiert von Gert Scobel

Comic-Lesung von TeMeL und Michael Barck: “No Borders”

Lesecafé im House of Horrors: Faye Hell, M.H. Steinmetz und Thomas Williams

Die Leipziger Buchmesse 2019

Autorengespräch: Jens Beckert über „Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus“, moderiert von Gert Scobel

Über Gert Scobel

An dieser Stelle muss ich mich als Fan von Scobel outen: Er war es, der mein Interesse an der Philosophie weckte und die bereits vorhandene Liebe für Literatur stärkte. Als einer der wechselnden Moderatoren von Kulturzeit (3Sat) lernte ich ihn kennen, als Leiter und Gesprächsführer von delta (seit 2008 scobel) lieben.
Gert Scobel ist einer der wenigen Menschen, die sich in TV-Formaten eine Diskussionskultur bewahren, und er geht nie davon aus, bereits alles (besser) zu wissen. Seine Gäste entstammen unterschiedlichen Fachbereichen, wodurch jedes Thema aus diversen Perspektiven durchleuchtet und debattiert wird. Anstelle von Eigenbeweihräucherung und Polemik findet ein respektvoller Austausch statt. Dass Scobel sogar Gesprächspartner, mit denen er einer Meinung ist, durch kritische Nachfragen grillen kann, spricht für ihn.
Und allen Menschen mit wenig Zeit sei gesagt, dass sich die Beiträge nicht nur lohnen, sondern oftmals längerfristig in der Mediathek zu sehen sind.

Über Jens Beckert

Genug der Schwärmerei und weiter zu Jens Beckert: Der Soziologe ist seit März 2005 Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln und interessierte sich schon früh für den Zusammenhang von Wirtschaft und Gesellschaft – ein Blickwinkel, den er von seinem Studium in den USA mit nach Deutschland brachte. Die Verbindungen zwischen soziologischen Thesen und ökonomischen Aspekten kristallisierten sich bald als wichtiger Forschungsschwerpunkt heraus, weshalb Jens Beckert heute als Koryphäe der Wirtschaftssoziologie gilt und für seine Arbeit mit dem diesjährigen Gottfried Wilhelm Leibniz-Preises der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet wurde. Sein Buch „Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus“ erschien am 16. April 2018 und bietet nicht nur eine interessante Perspektive auf die vermeintlich vorhersagbare Zukunft wirtschaftlicher Entwicklungen, sondern liefert auch einen beispiellosen interdisziplinären Beitrag: Eigentlich erscheint es logisch, Wirtschaftssysteme und ihre Mechanismen innerhalb der Gesellschaft zu analysieren, in der sie existieren. Faktisch geschieht das aber nicht oder nicht mehr, denn laut Beckert gab es diese Bemühungen einer fächerübergreifenden Betrachtung in der ursprünglichen Ökonomik durchaus.

Über die Veranstaltung

Jens Beckert: Imaginierte Zukunft

„Es gibt keine Fakten über die Zukunft, also gibt es immer dieses Moment des Zusätzlichen, was ich als Fiktion bezeichne. Die Akteure handeln, als ob die Zukunft sich so entwickeln würde, wie sie es sich vorstellen. Genau dieses ‚als ob’ ist die Definition des Fiktionalen.“ (Jens Beckert über Imaginierte Zukunft)

Wirtschaftsdogmen haben das Problem eines vereinfachten Blickwinkels; die Soziologie kann hier einen Ausweg bieten, indem sie den Rahmen erweitert und somit eine umfassendere Betrachtung ermöglicht. Als Hauptproblem sieht Beckert den Umstand, dass die Ökonomie auf Prognosen setzt, die nur eine Fiktion sind, da alle Annahmen, aufgrund derer Entscheidungen getroffen werden, sich auf die Vergangenheit stützen. Gesicherte Aussagen über die Zukunft existieren nicht, doch die Akteure verbergen, dass es sich bei all ihren Thesen um Entwicklungen handelt, die eintreffen oder ausbleiben können. Denn nicht alle Brüche oder Innovationen lassen sich vorhersagen, noch weniger ihr Einfluss auf die Gesellschaft und damit auch auf Marktentwicklungen. Deswegen ist diese Fiktion gefährlich: Werden alle Entscheidungen so getroffen, als wäre die Mutmaßung bereits Realität, kann eine Fehleinschätzung katastrophale Folgen haben.

Krisen wie das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 oder die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 zeigen deutlich, wie gefährlich und selbstzerstörerisch derartige Fiktionen sein können. Dass andere Aspekte als besagte Prognosen bei der Entscheidungsfindung oft unberücksichtigt bleiben, liegt Beckert zufolge am Physikneid der Wirtschaftswissenschaftler, die eine Wissenschaft inzwischen nur für eine solche halten, wenn sie allein auf Zahlen zurückzuführen ist. Dagegen waren frühere Denkweisen eher von einem wirtschaftssoziologischen Ausgangspunkt geprägt. Beckerts Fazit lautet daher, dass eine größere Kritik- und Korrekturfähigkeit insbesondere der Markttheorien vonnöten wäre, wenn diese nicht zur bloßen Ideologie verkommen sollen. Zudem ließen sich die negativen Folgen falscher Entscheidungen hierüber möglicherweise begrenzen.

Jens Beckert und Gert Scobel im Gespräch mit dem Publikum

Die These der Fiktion, von Scobel in Anlehnung an seine eigene Publikation von 2017 als fliegender Teppich (Der fliegende Teppich. Eine Diagnose der Moderne) bezeichnet, lässt sich nicht nur auf den Bereich der Wirtschaft beziehen, wie sich in der anschließenden Diskussionsrunde herauskristallisierte. Diese hat mich übrigens äußerst positiv überrascht: Weder war sie von einer peinlichen Stille gekennzeichnet, die lediglich durch die ein oder andere Mitleidsfrage durchbrochen wurde, noch meldeten sich ständig Menschen zu Wort, die nur für ihren eigenen Wissensschatz bewundert werden wollten. Das Gespräch kehrte schließlich auf die Bühne zurück, als Beckert auf eine eher unangenehme Konsequenz seiner Theorie verwies: Demnach wären auch sämtliche Aussagen zum anthropogenen Klimawandel nur eingeschränkt gültig. Ich war sehr gespannt, ob Scobel (der zu diesem Thema bereits mehrfach klar Stellung bezogen hat) sich äußern würde, da mich seine Argumentation interessiert hätte. Leider war das nicht der Fall, aber eine entsprechende Erwiderung sollte man vermutlich erst für sich selbst zu Ende denken, bevor man große Töne spuckt. Bei mir hat dieser Denkanstoß vor allem die Frage aufgeworfen, ob die Prognosen zum anthropogenen Treibhauseffekt und seinen Folgen das System, in dem sie stattfinden, ebenso stark vereinfachen wie die Wirtschaftswissenschaften das Handeln ihrer Akteure in den jeweiligen Modellen. Denn das ist schließlich eines ihrer Probleme: je komplexer ein System, desto unzuverlässiger die Voraussagen.

Nach zwei Stunden, die wie im Flug (mit oder ohne Teppich) an mir vorbeirasten, endete das spannende Autorengespräch. Scobel präsentierte sich ein weiteres Mal als unfassbarer Assoziationsgeist, der innerhalb kürzester Zeit von Hayek, Keynes und Elon Musk zum Werther kam und in Jens Beckert, der – ebenfalls nicht von der Literaturwissenschaft abgeneigt – sogar noch Madame Bovary einwarf, einen idealen Gesprächspartner hatte.

Angesichts des erfreulichen Assoziationsfeuerwerks habe ich mir fest vorgenommen, häufiger literarische Veranstaltungen zu besuchen. Davor werde ich mir allerdings die aktuelle Scobel-Sendung zu Gemüte führen. Denn auch wenn ich die Fiktion liebe und sie meist befriedigender ausfällt als die Wirklichkeit, habe ich an diesem Abend gemerkt, dass ich mich wieder stärker und kritischer mit der Realität auseinandersetzen möchte, in der ich es mir vielleicht ein wenig zu bequem gemacht habe, da ich ja bei Bedarf aussteigen kann – zumindest temporär.

Comic-Lesung von TeMeL und Michael Barck: “No Borders”

Der Hintergrund von „No Borders“: Internet, Datenkraken und Überwachung

Datenschutz ist aufgrund der DSGVO gerade in aller Munde – dass das Thema eigentlich immer präsent sein sollte, zeigte zuletzt der Skandal um Facebook und Cambridge Analytica (dessen ehemaliger CEO Alexander Nix mit weiteren Verantwortlichen inzwischen zu der Firma Emerdata weitergezogen ist). Während man an dem Thema DSGVO schon seit Monaten nicht vorbeikommt, hatte sich das Interesse an den Enthüllungen um das vermeintliche Datenleck bei Facebook schnell gelegt. (Wer hierüber ausführliche Infos sucht, wird zum Beispiel bei Netzpolitik.org fündig.) Natürlich liegt mein ständiges Stolpern über die DSGVO unter anderem an meiner Social-Media-Filterblase, dennoch kann ich den Gedanken nicht abschütteln, dass die meisten Menschen mehr Angst vor Abmahnungen als vor der missbräuchlichen Nutzung ihrer Daten haben.

Ein breiteres und nachhaltigeres Interesse zog der NSA-Skandal nach sich. Natürlich ist dieser von seinem Ausmaß her kaum mit den Machenschaften von Cambridge Analytica zu vergleichen, doch möglicherweise gibt es einen weiteren Grund für die große Aufmerksamkeit, die Edward Snowdens Enthüllungen zuteilwurde: Vor Beginn der Lesung fragte Michael Barck das Publikum (unter anderem), ob es die Datensammelwut eines Unternehmens oder die eines Staats kritischer sehen würde. Dabei bildete sich schnell eine Mehrheit für die Antwort „es kommt darauf an“, nämlich darauf, um welche Art von Staat es sich handelt. Dass eine Diktatur mit Datenkraken als gefährlicher eingestuft wird als ein demokratisch regiertes Land, ist wohl keine Überraschung, allerdings sollte dabei nicht vergessen werden, dass sich Demokratien aushöhlen und in Diktaturen umwandeln lassen – nicht nur durch einen erfolgreichen Putsch, sondern auch legal und langsam, wodurch die Änderungen nicht so augenfällig sind. Damit spielte Michael genau auf die Situation an, bei der man sich im Nachhinein erschüttert fragt, wie es überhaupt so weit kommen konnte. (Und vor der in Deutschland aus offensichtlichen Gründen immer wieder gewarnt wird und gewarnt werden muss – nicht wegen der Verantwortung für die Vergangenheit, sondern, weil wir die Verantwortung für unsere Gegenwart und Zukunft tragen.)

Die Comic-Lesung als Teil der Kulturfestival-Woche SommerStart 2018

Im Rahmen des diesjährigen SommerStarts von deutzkultur fand nun eine Comic-Lesung statt, die sich dem Thema der ultimativen Überwachung und seiner Konsequenzen annahm (Spoiler: und darauf aufmerksam machte, dass die Einschränkung von Freiheiten in der Regel keine Folge terroristischer Bedrohungen ist, sondern damit gerechtfertigt werden soll). Welche wichtige Rolle Daten hierbei spielen, wird in „No Borders“ an unterschiedlichen, trivial wirkenden Beispielen verdeutlicht, deren Botschaft klar ist: Nicht eine einzige Information ist unwichtig.

Michael Barck und TeMel: No Borders

Klappentext von „No Borders“:
Im Jahr 2025 ereignet sich ein Terroranschlag mit weitreichenden Folgen für die ganze Welt, es ist der Auslöser für die sprunghafte Zunahme von staatlicher Überwachung. Nach und nach müssen die Freiheiten des Einzelnen Zensur, Generalverdächtigungen und lückenloser Kontrolle weichen. Der Hacker Ho Zhing, der im China des Jahres 2040 lebt, will verhindern, dass es soweit gekommen ist. Mit einem ganz besonderen Plan, der Technik seiner Zeit und seiner neu entdeckten Fähigkeit durch die Zeit zu reisen (jedoch nur an Zeit und Ort mit Internetzugang gebunden) will er die Geschichte ändern.

Obwohl mir „No Borders“ bereits mehrmals über den Weg lief (zum Beispiel vom Tagesspiegel angepriesen als Comic-Thriller an der Schnittstelle von Matrix und Orwells 1984, habe ich den Titel aus finanziellen und zeitlichen Gründen sowie allgemeiner Verplantheit noch nicht im Bücherregal stehen, was sich allerdings bald ändern wird. Denn sowohl die Story als auch die visuelle Gestaltung konnten mich völlig überzeugen, und das sympathische Künstlerduo verstand es, meine Neugier auf den weiteren Handlungsverlauf zu wecken. Michael Barck und TeMeL lasen den Text der Sprech- und Gedankenblasen mit verteilten Rollen vor, während ein Beamer die entsprechenden Panels an die Wand warf. Verstärkung erhielten Autor und Zeichnerin dabei von Martin Wisniowski, der die Lesung musikalisch begleitete.

TeMel und Michael Barck bei der Comic-Lesung zu No Borders

Als Location diente das Constantin Pub, was ebenso ein Novum für SommerStart darstellte wie die Comic-Lesung an sich. Jens Hüttenberger, der erste Vorsitzende von deutzkultur, wies in seiner Eröffnung ebenso wie die Künstler darauf hin, dass Comics immer noch einen schweren Stand in der Literatur beziehungsweise ihrer Veranstaltungsszene haben und oft als Kinderkram abgestempelt oder schlichtweg ignoriert werden. Ein ganz so negatives Fazit würde ich nicht ziehen. Zum einen beheimatet die Leipziger Buchmesse jedes Jahr die Manga-Comic-Con, zum anderen widmet sich das Feuilleton schon seit einiger Zeit diesem Medium, das irgendwo zwischen Literatur, Bild- und Filmkunst zu verorten ist. Spätestens mit Flix und seinen Comic-Adaptionen literarischer Werke (Faust, Der Tragödie erster Teil und Don Quijote) hat sich zumindest im breiter gefächerten Kulturjournalismus ein Platz für Comics aufgetan.

Der Premierencharakter der Veranstaltung änderte nichts an ihrem professionellen Ablauf: Bei ihrer ersten gemeinsamen Lesung konnten Michael Barck und TeMeL, die mich mit ihrer herausragenden Vorlesestimme besonders begeisterte, sofort die Gunst des Publikums gewinnen. Mir gefiel auch die Untermalung mit elektronischer Musik, wenngleich die Umsetzung noch etwas verbesserungswürdig war. Als emotionale Verstärkung textloser beziehungsweise textarmer Panels passten die einzelnen Laute, die beispielsweise die Verwirrung der Protagonistin Jill „vertonten“, hervorragend ins Konzept. In den kurzen Lesepausen wirkte die Musik dagegen zu sehr wie ein Lückenfüller: Zumindest ich wollte eigentlich immer direkt weiter hören/lesen/sehen, weil mich die Story sofort gepackt hatte. Trotzdem hoffe ich, künftig noch mehr solcher Wahrnehmungsexperimente zu erleben, denn die Kombination verschiedener Sinne – für den Comic ohnehin essenziell – bietet interessante Möglichkeiten. Wie stark Comics auf die Bildebene angewiesen sind, zeigte sich, als bei der Präsentation eine Seite fehlte – der nur vorgelesene Text fiel in eine Leere. Das Künstlerduo meisterte diese Situation gekonnt und da bei Lesungen immer nur ein Ausschnitt eines Werks präsentiert werden kann, fand ich es eher erhellend als störend.

TeMels Artworks zu No Borders

Ein absolutes Highlight waren TeMeLs Artworks, die man nach der Lesung in Ruhe bestaunen durfte. Auffallend ist der Kontrast von düsterer Geschichte und bunter Inszenierung. Mit Verweis auf van Gogh erzählte die Künstlerin, dass sie Farben gerne in ihrer Symbolhaftigkeit darstellt oder so, wie sie diese empfindet.

Etwas Geduld brauchten TeMeL und Michael Barck bei der anschließenden Fragerunde: Obwohl die Entstehung des Comics im Vordergrund stehen sollte, gab es natürlich eine Person, die das überhaupt nicht interessierte, sondern lieber selbst eine kleine Vorlesung hielt und sich recht vorwurfsvoll erkundigte, warum „No Borders“ nicht in Deutschland spielen würde beziehungsweise keine deutschen Protagonisten beinhaltet. Das muss man sich allein aufgrund des Titels einmal auf der Zunge zergehen lassen. TeMeLs Tweet vom nächsten Tag ist eine gute Zusammenfassung dessen, was ich mir die ganze Zeit dachte (besagte Person hörte sich wirklich sehr, sehr gerne reden): Schade, dass man sowas noch erwähnen muss

Raum spielt in „No Borders“ keine Rolle, denn bei den Zeitreisen via Internet fallen Grenzen ebenso weg wie die Bedeutung von Staaten und Nationalitäten. Dass sie ohnehin irrelevant und ein recht willkürliches Gebilde sind, kann man ebenfalls als eine mögliche Lesart betrachten, der ich persönlich viel abgewinnen kann. Da mein Herz für Comics dank dieser Lesung wieder etwas schneller schlägt, landen nach „No Borders“ sicherlich noch weitere Titel auf dem SUB.
Du kennst das vermutlich 😀

Lesecafé im House of Horrors: Faye Hell, M.H. Steinmetz und Thomas Williams

Für eine Person, die sich auf ihrem Blog hauptsächlich mit Texten aus dem Horrorgenre beschäftigt, ist es fast schon eine Pflicht, zumindest einmal die Messe „House of Horrors“ unsicher zu machen … Der gemeinsame Stand einiger HorrorautorInnen (vereinigt unter dem Wahlspruch „Written in Blood“) und ein von diesen organisiertes Lesecafé bestätigten mich in der Annahme, 2018 sei genau das richtige Jahr dafür.

Und: Es hat sich gelohnt – jedenfalls aus Leseratten-Sicht.

Blick von oben auf den Stand von Written in Blood

Die Messe selbst fand ich für den Preis von 25 Euro an der Tageskasse (Samstag) etwas einfallslos. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich dem allgemeinen Personenkult um Schauspieler wenig bis gar nichts abgewinnen kann, zuweilen sogar befremdlich finde. Und dieser machte eben einen Großteil der Veranstaltung aus, während das Drumherum ziemlich lieblos wirkte. Ohne mich damit zu lange aufhalten zu wollen: Die Händlermeile bot die üblichen Merchandise-Verdächtigen (Actionfiguren, Schlüsselanhänger und T-Shirts) sowie einige gruftige Accessoires, deren Arrangement diese Bezeichnung zumindest einigermaßen verdiente, – und natürlich Filme, Filme, Filme. Die dazugehörigen Stände hatten teilweise einen richtig fiesen Ramsch-Charakter, was nicht nur am Sortiment lag, sondern auch an der Art der … nennen wir es Präsentation. Wenn die DVDs und Blu-Rays noch in abgeranzten Kartons auf dem Boden stehen, hilft eben auch das 2-Euro-Preisschild nicht mehr, das ohnehin nur noch halb an besagtem abgeranzten Karton klebt. Da im FSK-18-Bereich auch nach Herzenslust geraucht wurde, hatte der ein oder andere Film bestimmt ein besonderes Aroma. Sammler dürften angesichts der Horde von Mediabooks sicherlich trotzdem auf ihre Kosten gekommen sein.

Händlerbereich der House of Horrors 2018

Das Hauptproblem am House of Horrors war ohnehin die Organisation. So war beispielsweise das Programm nicht vor dem ersten Veranstaltungstag auf der Website zu finden und der Hallenplan besser via Suchmaschine als auf den offiziellen Kanälen zu entdecken. Vor Ort gab es zwar einen Infostand, nur verdiente er den Namen leider nicht. Aufgrund meines ausgeprägten Interesses an Serienmördern wollte ich mir einen Vortrag zu diesem Thema natürlich nicht entgehen lassen. Der sollte auf der Bühne der Haupthalle stattfinden. Sollte. Selbstverständlich dachte ich zunächst, ich hätte mich in der Uhrzeit vertan oder wäre mal wieder am falschen Ort gelandet – sowas passiert mir schließlich häufiger.
Nachdem ich gemeinsam mit ein paar anderen Menschen etwa zehn Minuten die leeren Sofas auf dem Podest vor den Sitzreihen angestarrt hatte, ging ich dann doch zu besagtem Infostand, der allerdings keine Informationen hatte. Daher besorgte ich mir Nervennahrung und ließ mich ein weiteres Mal auf einem der Stühle nieder, in der Hoffnung, doch noch etwas Neues über prominente und vielleicht auch weniger bekannte Killer zu erfahren, wenngleich mit Verspätung. Nachdem der Vortrag bereits 40 Minuten laufen sollte, kehrte eine weitere Besucherin zurück ins wartende Publikum und informierte ihre Freundin (und alle anderen, die ihre Lauscher weit genug aufgesperrt hatten) darüber, dass der Vortrag laut Infostand ausfallen würde. […] Eine etwas zeitigere Benachrichtigung und ich hätte mein Abendessen stattdessen bei einem Filmscreening verputzt.

Besagten Filmvorführungen konnte man in einem ebenfalls sehr puristisch gehaltenen Bereich beiwohnen, der dafür aber gut von der restlichen Location abgeschottet war – anders als das Lesecafé.
Ich habe sowieso den größten Respekt vor AutorInnen, die Lesungen abhalten. Wenn diese im Halbdunkel (was zusammen mit der winzigen Leselampe meine Fotos etwas … kunstvoll-verschwommen aussehen lässt) und vor den üblichen Messegeräuschen stattfinden, ist das umso beeindruckender. Wie die Vortragenden es tatsächlich schafften, sich noch auf ihre eigenen Worte zu konzentrieren, während auf der Bühne in der Haupthalle jemand sprach, ist und bleibt mir jedoch ein absolutes Rätsel. Denn natürlich fanden alle anderen Programmpunkte im Gegensatz zu dem Serienmörder-Vortrag statt – und dröhnten einigermaßen ungefiltert ins Lesecafé. Daher: Hut/Mütze/Bandana ab vor euch, die ihr so souverän darüber hinweg gelesen habt!

Lesung I: „Tote Götter“ und „Rigor Mortis“ von Faye Hell

Für mich haben die Lesungen die ansonsten etwas unbefriedigende Messe stark aufgewertet – zumal es immer spannend ist, wenn man AutorInnen, von denen man schon (mehrere) Texte gelesen hat, das erste Mal von Angesicht zu Angesicht sieht und bei einer Lesung erleben darf. Und das ist genau das richtige Stichwort: Solltest du die Gelegenheit haben, eine solche Veranstaltung von Faye Hell zu besuchen … geh hin. Denn das, was die Autorin präsentiert, ist mehr als nur die Wiedergabe der niedergeschriebenen Worte. Es ist eine Inszenierung, ein stimmgewaltiges Theater, das seine eigene Kulisse durch die Wucht der gesprochenen, gewisperten, teils beinahe gebrüllten Sätze erzeugt. Anders gesagt: Faye, ich will ein Hörbuch von dir!

Zudem war die Lesung sehr persönlich und intensiv – so wie auch das Interview von The Coven mit Faye. Beispielsweise erzählte die Autorin, wie die Protagonistin von „Tote Götter“ zur Diagnose Multiple Sklerose kam – nämlich, indem Faye zu genau der Zeit am Roman arbeitete, als sie selbst auf einen entsprechenden Befund wartete. Obwohl ich „Tote Götter“ bereits gelesen und ausführlich bearbeitet hatte, war es wunderschön, noch einmal in das Diner zurückzukehren und – wie beschrieben – Fayes Inszenierung zu folgen.

Faye Hell bei der House of Horrors 2018

Ein besonderes Highlight war natürlich die Vorab-Lesung zu ihrem dritten Roman („Rigor Mortis“), der in Kürze beim Papierverzierer-Verlag erscheinen wird. Zunächst erklärte Faye, weshalb sie sich diesmal dazu veranlasst sah, die Publikation mit einem Vorwort zu versehen – wegen einer Amazon-Bewertung zu „Keine Menschenseele“. Denn nach Meinung der Rezensentin ist der Roman „keine richtige Horrorgeschichte, sondern schlicht die niedergeschriebene Fantasie eines potentiellen Triebtäters“. (Spoileralarm: Bullshit.)

Aus diesem Grund hat Faye sich dazu entschlossen, sich in „Rigor Mortis“ vorab vom Gedankengut des Ich-Erzählers zu distanzieren. Zwar ist das ein nachvollziehbarer Schritt, aber zugleich finde ich es etwas beängstigend, wenn LeserInnen nicht mehr zwischen AutorIn und ErzählerIn unterscheiden können. Gerade, wenn gleichzeitig Texte wie „Die 120 Tage von Sodom“ als Weltliteratur gelten (was ich noch nie nachvollziehen konnte, aber ich bin ja auch keine Halstuch-bis-zu-den-Zehen-tragende Person des Feuilletons, sondern nur eine dahergelaufene Bloggerin, die sich wünscht, einmal die etablierte Literaturkritik zu Faye Hells Werken zu hören).

Rigor Mortis verwebt mehrere Erzählstränge – einer davon dreht sich um einen Talkmaster, der auf intelligente Weise die Schmerzgrenze seiner Gäste austestet und sich daran ergötzt. Seine Sprache ist brutal und kalt, sein Humor wirkt perfide. Er wird auf jeden Fall eine anstrengende Figur sein, die bei der Lektüre (heraus)fordert … denn das soll Literatur laut Faye sein: mehr als nur reine Unterhaltung, und dem kann ich vollkommen zustimmen. Schließlich leben die meisten Menschen (mich nicht ausgeschlossen) ohnehin in ihrer Filterblase – sei es nun online oder dadurch, dass sie sich in der Regel mit Personen anfreunden oder Beziehungen eingehen, die ähnliche Wertvorstellungen haben. In Kürze wirst du auf diesem Blog und anderswo mehr über „Rigor Mortis“ erfahren können – stay tuned!

Lesung II: „Ghost Stories of Flesh and Blood“ von und mit Thomas Williams, M.H. Steinmetz & Faye Hell

Passend zum Anthologie-Charakter von „Ghost Stories of Flesh and Blood“ und zum Herausgeber-Duo war die entsprechende Lesung auf dem „House of Horrors“ Teamwork. Drei Leute präsentierten sich vor dem leider schon etwas ausgedünnten Publikum des Lesecafés: Thomas Williams als der „Vorzeige-Autor“, wie er von den Herausgebern Faye Hell und M.H. Steinmetz genannt wurde, und besagtes Herausgeber-Team selbst, das ebenfalls die eigenen Kurzgeschichten zum Besten gab. Zunächst stellten sie die Anthologie kurz vor und gingen dabei auch auf die Entstehungsgeschichte ein, wie sie bereits ein wenig in den Vorworten beider angerissen wird.

Dann war Thomas Williams an der Reihe und las aus seiner Geschichte „Am Anfang vom Ende“. Sein Zugang zum Motiv des Haunted House unterschied sich deutlich von dem der anderen AutorInnen, und der gelesene Ausschnitt machte auf jeden Fall Lust auf mehr … (Als jemand, der den Text bereits ganz kennt, kann ich nur sagen: Es lohnt sich!) Und das gilt natürlich für alle Kurzgeschichten der Anthologie.

Thomas Williams bei der House of Horrors 2018

Faye präsentierte den Anfang von „Imaginarium“, der – anders als bei ihren zwei anwesenden Autorenkollegen – direkt ins Eingemachte geht. Ein weiteres Mal durfte man dem gelungenen Zusammenspiel von bildgewaltiger Sprache und ausdrucksstarker Inszenierung lauschen. Die Stelle, an dem Faye die Lesung beendete, zeigte deutlich, wie viel ein einziges Wort je nach Kontext aussagen kann. (In diesem Fall das „Ich“ des Protagonisten Brian, der danach das erste Mal seine Bedürfnisse erfüllt bekommt – wenngleich auf grausam verdrehte Art und Weise.)

M.H. Steinmetz hatte die – wie er selbst sagte – etwas undankbare Aufgabe, nach Faye zu lesen. Obwohl die Latte entsprechend hoch hing, musste auch er sich nicht verstecken, und seine sympathische Lesung von „Wicked Game“ wurde eigentlich nur noch von ihrem Ende getoppt: Wer mitten im Satz aufhört, den sollte das Karma in den nächsten Jahren mit einigen furchtbaren Cliffhangern bestrafen …

M. H. Steinmetz bei der House of Horrors 2018

Hätte ich die Anthologie nicht schon vor der Lesung mein Eigen genannt, wäre ich definitiv danach um ein E-Book reicher gewesen. Falls du noch nicht überzeugt bist, kannst du hier etwas mehr zu meinem Gesamteindruck von „Ghost Stories of Flesh and Blood“ und über weitere der darin enthaltenen Kurzgeschichten erfahren.

Allgemein muss ich sagen, dass ich mir von der Messe mehr erwartet hätte – vor allem ein etwas innovativeres Konzept. Dennoch bot sie eine schöne Kulisse, um Faye persönlich kennenzulernen und einige andere, mir bereits gesichts- und geschichtenweise bekannte AutorInnen zumindest aus einigermaßen sicherer Distanz beobachten zu können. So sind sie eben, die Streuner … sie brauchen Zeit 😉

Die Leipziger Buchmesse 2019

Lange ersehnt, endlich geschafft: mein erster Besuch auf der Leipziger Buchmesse!

Bücherteppich auf der Frankfurter Buchmesse, 2016
2016 empfing mich ein Bücherteppich auf der Frankfurter Buchmesse.

Vor einiger Zeit, es fühlt sich an wie ein anderes Leben, war ich in Frankfurt: Einmal wurde die Fahrt von meiner Universität organisiert, 2016 unternahm ich dagegen alleine einen Kurztrip via Flixbus, der durch unzählige Verspätungen einen ziemlichen Kamikaze-Charakter hatte. Trotzdem beeindruckte mich die Messe mit ihrer Fülle an Büchern und Buchmenschen. Doch irgendetwas vermisste ich. War es der persönliche Kontakt zu anderen Leseratten? Hat mir das nötige Maß an Extravertiertheit und Ego gefehlt, um vollends in das zeitlich begrenzte Paralleluniversum einzutauchen, anstatt mich primär zwischen irgendwelchen Buchdeckeln zu verstecken? (Ja, auch das.)

Vor allem aber, und das weiß ich seit einer Woche, war es einfach nicht Leipzig. Leipzig, eine Stadt, die mich begeistert, seitdem ich 2003 das erste Mal das WGT besuchen konnte. In die ich zu den verschiedensten Anlässen zurückkehren durfte, ohne dass sie je ihren Charme für mich verloren hätte. Doch es war nicht nur der Ort, der diesen Unterschied machte, sondern gerade die Menschen: Die unfassbar vielen und vielfältigen Cosplayer, die in und aus Halle 1 strömten und manches seltene Areal von Anzugträgern direkt ein bisschen sympathischer wirken ließen. Die Bibliophilen und Buchbegeisterten, die von Stand zu Stand schlenderten und beim Stöbern in den neuesten Romanen alles um sich herum vergaßen. Und natürlich jene Leute, mit denen ich bislang primär oder ausschließlich via Social Media und E-Mail Kontakt hatte.

Quer durch die Innenstadt: Die Guerilla-Lesung

Los ging es für mich um 10 Uhr am Mendebrunnen, der durch seinen 18 Meter hohen Obelisken schon von Weitem zu sehen ist. Mit einer kleinen Verspätung, doch immerhin nicht als letzte Person, kam ich dort an und realisierte, was ich eigentlich bereits wusste: Meine Queen of Horror, Faye Hell, konnte leider nicht der Leipziger Buchmesse und damit auch nicht der Guerilla-Lesung beiwohnen, weil sie krank im Bett lag. So stand ich erstmal ein wenig unschlüssig herum, unsicher, ob ich mich jetzt direkt M.H. Steinmetz oder Markus Lawo aufdrängen sollte, da es die einzigen Teilnehmer waren, mit denen ich vorab (nämlich beim „House of Horrors“) wenigstens ein paar Worte gewechselt hatte. Das Grübeln fand glücklicherweise durch die erste Lesung ein jähes Ende, und mit Eva von Astis Hexenwerk traf ich schon bald auf ein weiteres Mitglied von The Coven. Als erfahrener Messe-Mensch gab sie mir hilfreiche Tipps (welche Straßenbahn fährt zum Gelände, wo gibt es vor Ort den besten Kaffee, welchen Laden sollte man sich nicht entgehen lassen, wenn man sich ohnehin gerade am Leipziger Hauptbahnhof aufhält), während wir unterwegs waren. Denn das ist einer der Aspekte besagter Guerilla-Lesung: Die Texte wurden zu vier unterschiedlichen Themen konzipiert und an ebenso vielen verschiedenen Standorten vorgetragen, die innerhalb der Innenstadt lagen. Die Beiträge am Mendebrunnen näherten sich dem Stichwort „Kunst“ an, danach folgten „Kirche“, „Natur“ und „Reise“, jeweils vor passendem Ambiente.

Guerilla Lesung auf der Leipziger Buchmesse
Die Guerilla-Lesung in Leipzig war das frühe Aufstehen wert!

Konnte Faye nicht persönlich vor Ort sein, ihr Text „Was ist schon Kunst?“ war es allemal – und hat mich mit seiner Präsenz, dem bissigen schwarzen Humor und seiner enormen Verdichtung gänzlich für sich eingenommen. Trotz der zeitweise etwas lauten Umgebungsgeräusche entwickelte sich mühelos ein Kopfkino in meinem Geist, das ich sehr genossen habe. Genau sowas ist Kunst!
Ein weiteres Highlight war Simona Turinis Kürzestgeschichte, die zwar vor einem sakralen Bau zum Besten gegeben wurde, der aber nichts heilig war. Wie viele Wesen und Geschöpfe kann man in 500 Wörtern unterbringen und trotzdem noch eine unterhaltsame Geschichte liefern, die mehr als eine bloße Aufzählung ist und dabei am Ende ein kitschiges Ende liefert, das die Leser*Innen dennoch nicht missen wollen? Ich habe nicht nachgezählt, aber ich liebe diesen Text. Zugegeben, besonders überraschend kam dies nicht – ihre Beiträge zu den Anthologien „Ghost Stories of Flesh and Blood“ und „Fleisch 6“ hatten mich schließlich ebenfalls überzeugt.

Die Leipziger Messe: An den Ständen von Festa, Blutwut und Redrum

Der literarische Spaziergang endete nach zwei Stunden, die mir wie 20 Minuten vorkamen, und ich zog weiter, in der Hoffnung, dass ein geplantes E-Book mit all den Kürzestgeschichten (unter anderem von Claudia Rapp, M.H. Steinmetz und Torsten Scheib) und trotz einiger Schwierigkeiten bald erscheinen wird.
Das Außengelände der Leipziger Messe wirkte bei meiner Ankunft ungeachtet des schönen Wetters erstaunlich leer. Natürlich trog der Schein und plötzlich fand ich mich inmitten eines Menschenknäuels wieder, das sich – zu meiner Freude oftmals mit flauschigen Ohren und Schwänzen ausgestattet – durch die Glashalle und die verschiedenen Ausstellungsflächen schob.

Leipziger Buchmesse 2019
Der Schein trügt: So leer war das Messegelände nur in diesem Bereich.

In Halle 3 stolperte ich zunächst zufällig über einige der Verlagsstände, denen ich ohnehin einen Besuch abstatten wollte. Bei Festa fand allerdings in diesem Moment die Signierstunde von Wrath James White statt, weshalb sich dort eine ziemlich lange Schlange gebildet hatte. Während ich noch überlegte, ob ich erstmal woanders mein Glück versuchen sollte (Whites Texte konnte ich bislang wenig abgewinnen, wenngleich der Autor live einen sehr sympathischen Eindruck machte), landeten meine Augen auf dem kleinen, aber feinen Stand gegenüber: Der Name Blutwut erinnert mich zwar an eine eklige Spirituose, hat aber spannende Bücher zu bieten.
Unentschlossen, ob ich mich nun für „Home Invasion“ oder „USA 2084“ entscheiden sollte, kam ich dort mit einer Dame ins Gespräch, die sich mir mittendrin als Elli Wintersun vorstellte. Das kommt davon, wenn man immer nur auf Text und kaum auf Bilder achtet – als Autorin war sie mir durch einige Stöbereien im Shop von Redrum Books und aufgrund diverser Facebook-Gruppen längst ein Begriff. Am Ende entschied ich mich für „Home Invasion“, da ich von Pjotr X bereits eine (ziemlich geniale) Kurzgeschichte („Snuff Geisha“ in Fleisch 6) gelesen hatte, während mir J. Mertens noch überhaupt nichts sagte. Als Messe-Bonus erhielt ich dazu noch einen süßen Totenkopf-Schlüsselanhänger, eine frisch signierte Autogrammkarte des Autors und das passende Lesezeichen zum Buch. Der Besuch beim Blutwut-Verlag, wenngleich ungeplant, hat sich also mehr als gelohnt – ob auch das Buch hält, was es verspricht, könnt ihr demnächst hier nachlesen.

Redrum Books, Blutwut auf Leipziger Buchmesse
Meine kleine, aber feine Ausbeute von der Leipziger Buchmesse – nächstes Jahr werde ich den Einkaufsbummel früher beginnen …

Um den Stand von Redrum tigerte ich mehrmals herum – ich hatte mir vorgenommen, pro Verlag maximal ein Buch zu kaufen, und konnte mich nicht entscheiden, welches es werden sollte –, sodass mich Inhaber Michael Merhi einmal sogar aufforderte, „nicht so schüchtern zu sein und näher zu kommen” … 😀 Meine Überraschung wich der Freude, als ich feststellte, mit wem er sich gerade unterhielt: Michael Barth, mir nach der Lektüre von „Der Leichenficker“ besser unter seinem Pseudonym Ethan Kink bekannt. Getoppt wurden die Begegnung und das nette Gespräch mit ihm noch von der Neuigkeit, bald eine Fortsetzung des Leichenfickers lesen zu dürfen ♡
Zurück zu meiner schweren Entscheidungsfindung: Mich bei der Auswahl an Neuzugängen derart zu begrenzen, konnte nur in die Hose gehen. Oder eben dazu führen, dass ich stattdessen das T-Shirt kaufte, in dem sich die Menschen von Redrum und viele der Leser*Innen gerne präsentieren, und einen ausgiebigeren Einkaufsbummel auf den Folgemonat verschob.

Als ich ein weiteres Mal beim Festa-Verlag vorbeischaute, hatte ich das Glück, Inge Festa anzutreffen und mit ihr ein paar Worte zu wechseln, nachdem wir bislang nur per E-Mail kommunizieren konnten. Nur mein Plan, endlich Nachschub an der Bücherfront von Bryan Smith zu bekommen, löste sich in Wohlgefallen auf. Da ich mit meinem Partner und Freunden aus Berlin zur Messe gekommen war, wollte ich selbstverständlich Zeit mit diesen Menschen verbringen. Gesagt, getan – und plötzlich war es 18 Uhr und damit keine Zeit mehr für die angedachte letzte Runde, bei der ich mein restliches Geld in neues Lesematerial umwandeln konnte.

Gelohnt hat sich der Besuch natürlich trotzdem – 2020 werde ich allerdings mindestens zwei Tage für die Leipziger Buchmesse einplanen. Denn es gab noch einige andere Stände, an denen ich gerne länger verweilt hätte, und das Zeitfenster für all die interessanten Veranstaltungen fiel deutlich zu klein aus. Und: Für nächstes Jahr brauche ich definitiv Hustenbonbons – der ungewohnt häufige Einsatz meiner Stimme forderte seinen Tribut und ich klang am folgenden Morgen ein bisschen wie Joe Cocker.